LITERATUR


"DER SEXIST"

Short-Story von Take Janssen

 Norman war neu in der Stadt. Nachdem er seine Zwei-Zimmer-Wohnung so lala eingerichtet hatte, unternahm er die erste Entdeckungstour durch die Kneipen in seinem Viertel. Schon im 'Heartbreakers Time' fand er es ausgesprochen cool, die Musik aus den 70ern mochte er, die Leute hier lachten, das Mädel hinter der Theke begrüßte ihn mit "Na, Fremder, warst noch nie hier oder ..." und sie lächelte ihn dabei richtig nett an und Norman hätte alles bestellt, was sie ihm vorgeschlagen hätte, aber er blieb beim trüben Weizen, seinem Lieblingskneipengetränk.

 

Der Start war gut und das 'Heartbreakers Time' könnte seine Stammkneipe werden. Angeregte Unterhaltung um ihn herum. Sein Blick blieb für einen, ja, nur einen Augenblick an einer Gruppe haften, die in der hinteren Ecke wohl einen Geburtstag feierten oder sowas, denn immer wieder wurde angestoßen. Norman fand das irgendwie schön, dass sich Menschen so gut verstehen, auch wenn der Alkohol wohl ein bisschen Anteil an dem Vergnügtsein verbuchen konnte. Er hatte die Aufmerksamkeit eines der Mädels angezogen, denn sie sah ihn direkt an. Norman lächelte. Aber leider erwiderte sie seine Freundlichkeit nicht. Nun ja, vielleicht hätte er mehr Zähne zeigen sollen.

 

Er nahm eine langen Schluck aus seinem Bierglas und schaute gut gelaunt in die Runde, mal hier hin, mal dort hin. Wirklich, Norman fühlte sich wohl, eigentlich müsste er kein anderes Lokal mehr aufsuchen heute Abend.

 

Unverhofft tippte ihn jemand auf die Schulter. Norman drehte sich um und sah sich einem Kerl mit grimmiger Miene gegenüber, der gar nicht in seine momentane Frohsinnlaune passte.

 

"Was machst du meine Freundin an, eeh?"

"Äh was?"

"Dein sexistisches Gehabe kannst du woanders anbringen, Alder!"

"Versteh' nicht, was für sexistisches Gehabe?"

 

Schon kam ein anderer Kerl dazu, der ihm gefährlich nahe auf den Pelz rückte. "He, ist er das?"

 

Norman hatte im Moment keinen blassen Schimmer. Was wollten die von ihm?

 

"Was is'n los?", fragte die Thekenkraft.

"Der da", dabei wies der Kerl mit hin und her stechendem Zeigefinger auf Norman, "der da hat meine Freundin belästigt, hat ihr sexistisch zugezwinkert und dabei noch schamlos gelacht!"

"Booaaah!", kam es von der anfangs sehr freundlichen Thekenkraft. "Widerlich. Der Alte da?"

"He, Vonnie, komm doch mal her!", rief der Kerl vor ihm in den Raum, als ob ihm die Kneipe gehören würde. Und zu Norman gewandt: "Das klären wir gleich mal."

 

Vonnie kam, sah und lästerte. "Ja genau, er hat mich richtig fies angezwinkert, ausgezogen hat er mich mit den Augen, dieser geile Bock ..."

 

"Moment mal", warf Norman ein, "erstens habe ich nur einen winzigen Augenblick zu euch rübergeschaut und zweitens habe ich manchmal ein Lidzucken, das ist fast eine Krankheit ..."

 

"Hört, hört, eine Krankheit! Deine sexistische Anmache ist eine Krankheit, weißde. Da biste verkehrt hier, weisse was, du solltest verschwinden hier, du Sexist, abbersofort, weißde."

"Was? Ich ein Sexist? Ihr seid ja total übergeschnappt!

Die Thekenfrau mischte sich wieder ein. "Hat er das wirklich getan?"

 

"Hunnertpro, richtig sexbesessen hat er gezwinkert. Ich fühlte ich wie ein Stück Vieh! Wie sind doch keine Ware, die jeder hergelaufene Kerl nach Lust und Laune so zuzwinkern kann."

 

Norman probte den Aufstand. "Komplette Psychokrüppel seid ihr!" Er wandte sich seinem Bier zu.

 

"Ich möchte nicht wissen, welch schmutzige Gedanken der dabei hatte ..."

 

Norman drehte sich wieder um. "Wie ich schon zu erklären versuchte: manchmal oder auch öfter zuckt mein Augenlid, ich war auch schon beim Arzt ..."

 

 "Ha, ha, ha, ha."

"Auch noch zu feige, das zuzugeben."

"Hat nochnichma Eier, der Sexist!"

"Kuckma, warum zwinkert er denn jetz nich?"

"Ja, warum machst du das jetzt nicht?"

"Weil ich es nicht bewusst steuern kann, das Lidzucken kommt wann es will, mein Arzt ..."

"Er wieder mit dem Arz. Arz, Arz, Arz. Zeig doch mal deinen Behindertenausweis."

 

"Warte ma", mischte wieder die Thekenfrau, "ich hol ma den Chef."

 

Es dauerte keine Minute, da tauchte der Chef auf.

"Also, du belästigst hier die Frauen? Geht im Heartbreakers Time schon mal garnich. Von welchem Stern bist du eigentlich?"

 

'Ja, von welchem Stern bin ich eigentlich?', überlegte Norman.

 

Stattdessen sagte er: "Von welchem Stern seid ihr denn? Seid ihr die Theatergruppe Psychokaputt vom Planeten Dachschaden?"

 

"Will auch noch motzen, der Sexist, jaja, so seid ihr, ihr Böcke, erst die Mädels unsittlich anmachen und dann noch machomäßig aufdrehen."

 

"Hat er schon bezahlt?", wollte der Chef von seiner Bedienung wissen. Sie nickte. "Dann mach mal schön die Fliege, Alter."

 

Norman war in die Enge getrieben, da gab es nur einen Ausweg, raus aus der Kneipe, wie ihm der Kneipier schon empfohlen hatte, obwohl er das Glas noch gerne ganz ausgetrunken hätte, aber dann wäre er wahrscheinlich noch als sexistischer Trunkenbold abgestempelt worden.

 

Gesenkten Hauptes machte sich Norman auf den Heimweg, er traute sich nicht, hochzublicken, denn jetzt fing sein Augenlid wieder an zu zucken und zwar rasend schnell, das würde ausreichen um ganze Herrscharen von Frauen ... Teufel auch, hatte er gerade "HERRscharen" gedacht?

 

'Ich sollte mir eine Augenklappe zulegen, vielleicht verschreibt mir der Arzt eine ...", sinnierte Norman.

 

'Oder besser gleich eine Maske oder noch besser ein T-Shirt mit dem Spruch "Wenn Sie ein Lidzucken bei mir bemerken, nehmen Sie es nicht persönlich, bitte verzeihen Sie. Ich meine es nur politisch".

 

Egal, der Abend war hinüber. Irgendwie fühlte er schuldig. Sollte tief in ihm eine unausgelebte Satanssexader fließen, die sich nun im Lidzucken ein Ventil verschaffte?

 

Zuhause angekommen, stellte sich Norman vor den Garderoben-spiegel und beobachtete sich. Kein Zucken. Wieso auch? Sollte er sich etwa selber zuzwinkern? Das könnte man, respektive frau, ja schon als Onanie bezeichnen! Da! Jetzt zuckte sein Augenlid! Norman musste sich abwenden, er hielt diesem wilden Ausbruch nicht stand.

 

Die nächsten Tage und Wochen waren für Norman alles andere als happy Sonnenschein. Eingeschüchtert und vollgepresst mit Schuldgefühlen tappte er über die Straßen, die Straßenschilder in der neuen Stadt brauchte er nicht zu lesen, denn jetzt konnte er seine Wege nach der Art und Anzahl der Plastersteine unter-scheiden. Ob mit Lidzucken oder ohne: er verlor er den Mut, überhaupt unter Leute zu gehen, geschweige denn, weibliche Mitmenschen anzuschauen. Nach der Arbeit schloss er sich in seine Wohnung ein, den Spiegel im Flur verhing er mit einem Mantel und im Bad wurde die obere Hälfte des Spiegels beklebt, so dass er nur seine untere Gesichtspartei beim Rasieren sehen konnte.

 

Und wenn er nicht gestorben ist, so lebt er noch heute vereinsamt und träumend von der guten alten Zeit, als Lidzucken noch kein Sittendelikt darstellte.

 

-tja-